Helmut Spiegel - Ich schäbiges Frikadellchen · Roman über die Kriegs- und Nachkriegszeit im Ruhrgebiet
Kumpels in Kutten



Mein Freund und Autor Helmut Spiegel ist tot.

Helmut Spiegel wurde am 9. Oktober 1932 in Essen geboren, wuchs in einer Arbeitersiedlung im Norden der Stadt auf. Sein Vater, ein Kruppscher Automobil- und Lokomotivschlosser, hätte es gerne gesehen, wenn der Sohn Ingenieur geworden wäre. Doch dieser stellte bald fest, dass er Technik besser beschreiben als betreiben konnte, und wurde Redakteur. Er arbeitete zunächst bei der NRZ in Essen, ab 1961 dann bei der WAZ in Witten, wo er bis zu seinem Tod mit seiner Familie wohnte.

Helmut Spiegel liebte das Ruhrgebiet und widmete ihm seinen Roman „Ich schäbiges Frikadellchen“. Der trägt autobiografische Züge, enthält ganz viel Regionalkolorit und den ganz besonderen Spiegel’schen Humor. Das Buch erschien 1993, hat jetzt seine 7. Auflage erreicht und ist ein Klassiker der Ruhrgebietsliteratur. Das „Schäbige Frikadellchen“ war für ihn nach 30 Jahren Arbeit als Zeitungsredakteur der Einstieg in seine Zeit als Schriftsteller.

Ich habe meinem Freund und Autor Helmut Spiegel bei weit über hundert Lesungen zugehört, habe jedes Mal auf die ganz bestimmten Stellen gewartet und war immer derjenige, der, wenn es zum Beispiel um Onkel Willy, den „Suffkopp“, ging, am lautesten gelacht hat.

Helmut Spiegel starb am 6. Februar 2014 in Witten.

Werner Boschmann
Ich schäbiges Frikadellchen Helmut Spiegel
Ich schäbiges Frikadellchen
Roman über die Kriegs- und Nachkriegszeit im Ruhrgebiet
264 Seiten
gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-922750-20-8
7. Auflage
14,90 €

Im Luftschutzbunker erzählten die Erwachsenen vom Weltkrieg. Damals 14/18. Dann wuchs er selbst heran in einem Krieg, in der Großstadt des Reviers, als Evakuierter auf dem Dorf in Westfalen, als Jugendlicher in der Trümmerwelt der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und das war für ihn eine ganz normale Zeit. Seine Erlebnisse spiegeln immer auch die Welt der Erwachsenen wider, in dieser normalen, außergewöhnlichen Zeit.
"Genau so ist es gewesen", werden Leser sagen, die aus der Generation des Autors stammen. Und die Jüngeren können ein Stück Geschichte aus einer ungewöhnlichen Zeit nacherleben.
Hier wird aber nicht - wieder einmal - Geschichte aus der Sicht der Historiker behandelt, sondern sozusagen Geschichte von unten erzählt. Vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bis zur Währungsreform spannt sich der Bogen.
Der Autor wuchs heran in einer Großstadt des Reviers. Hier erlebte er den Krieg, mit seinen Fanfarenstößen, aber auch mit seinen Bombennächten. In der Evakuierung erschloß das Dorf dem Jungen aus der Großstadt eine neue Welt, die ihn zunächst gar nicht freundlich aufnahm. Unmittelbar nach dem Krieg wurde seine völlig zerstörte Heimatstadt für ihn zu einem gigantischen, aber auch gefährlichen Abenteuerspielplatz.
Das alles wird erzählt aus der Sicht eines Kindes und Jugendlichen mit einer ungewöhnlichen Detailtreue, in einer schnörkellosen und dennoch anschaulichen Sprache, gewürzt mit viel Ruhrgebietswitz.
Helmut Spiegel nimmt den Leser mit beim Rennen in den Bunker, zum Spielen in den Trümmern, zum Schlangestehen und Kohlenklauen, zu improvisierten Familienfeiern mit "Selbstgebrautem" und zu dem Mädchen – "schön wie eine Filmschauspielerin" –, das seine erste Liebe wurde.
Helmut Spiegel,
geboren 1932 in Essen, wuchs in einer Arbeitersiedlung im Norden der Stadt auf. Sein Vater, ein Kruppscher Automobil- und Lokomotivschlosser, hätte es gerne gesehen, wenn der Sohn Ingenieur geworden wäre. Doch dieser stellte bald fest, dass er Technik besser beschreiben als betreiben konnte, und wurde Redakteur. Er arbeitete zunächst bei der NRZ in Essen, ab 1961 dann bei der WAZ in Witten, wo er bis heute mit seiner Familie wohnt.

Ich schäbiges Frikadellchen als
Hörbuch

Weitere Bücher von Helmut Spiegel:
Auf alle meine Pötte setzt Ursula den Deckel - Wie im Ruhrgebiet das mit der Ehe funktioniert
Das Bollerrad muss bollern, der Knicker, der muss rollern - Verlorene Kinderspiele erzählt in Geschichten aus dem Ruhrgebiet
Unser Mutter stochte, bis die Suppe kochte - Lieder, Rezepte und Geschichten aus der alten Ruhrgebietsküche
Interview mit Helmut Spiegel

»Willy, du Suffkopp!«

»Willy, steh auf!« Tante Minchen rüttelt ihn. »Aufstehen, Willy, Fliegeralarm!« Onkel Willy grunzt nur. »Willy, aufstehen! Du machst mich noch mal verrückt mit deiner Dickfälligkeit.« Aber Onkel Willy antwortet nur mit seiner Lieblingsformel: »Ich hab nicht Lust.« Wie immer gerät Tante Minchen in ohnmächtige Wut. Und ehe sie die Wohnung verlässt, um in den Luftschutzkeller zu gehen, ruft sie ihm noch über die Schulter zu: »Du alten finnigen ostpreußischen Hund.« Das macht Onkel Willy wach. Das tut ihm weh. Denn er ist Westpreuße. Auch in dieser Nacht kommt Onkel Willy als Letzter in den Luftschutzkeller.
Onkel Willy ist ein Onkel, wie ihn sich ein Junge in meinem Alter nur wünschen kann. Wenn er einen guten Schluck getrunken und seine Zigarre, seine »Ssigare«, angezündet hat, kann er ein unerhörtes Garn spinnen. Seemannsgarn. Willy Foth stammt von einem Gut, auf dem sein Vater der Verwalter war. »Das war so groß, dass es seine eigene Schule hatte.« Mit siebzehn Jahren verschwindet der Willy bei Nacht und Nebel von dem Gut, um zur christlichen Seefahrt zu gehen. »Da war bestimmt was mit einem Mädchen«, sagt meine Mutter. 1914 wird er zur kaiserlichen Marine eingezogen. Seine Vorgesetzten hielten aber nicht mehr viel von ihm, nachdem er beim Wacheschieben in einer finsteren, nebligen Nacht ein verdächtiges Geräusch gehört und nach dreimaligem Anrufen mit dem Bajonett zugestochen hatte. Er hatte eine verirrte Kuh erlegt. Fortan fanden seine Vorgesetzten, dass man ihn auf einem Schiff als Steward einsetzen sollte. Was Onkel Willy einige gute Rezepte für Fischgerichte einbrachte, mit denen er in unserer Familie großen Eindruck machte. 1918 gehörte Onkel Willy zu den meuternden Matrosen von Kiel. Seitdem steht er in der Familie in Verdacht, ein heimlicher Kommunist zu sein. »Hat der nicht auch mal Flugblätter verteilt?« Nach der Revolution, die eigentlich keine war, ging Onkel Willy ins Ruhrgebiet, um auf einer Zeche Arbeit zu finden. Er wurde Pferdeführer unter Tage, was ihm aber nicht lange zusagte. Es gelang ihm, bei der Straßenbahn angestellt zu werden. Erst als Schaffner, dann als »Führer«. »Der Willusch ist jetzt Beamter.«
In Essen lernte er meines Vaters neun Jahre ältere Schwester Minchen kennen, die dort im Laden eines Onkels als Verkäuferin arbeitete. Sie heirateten. Willy war seinem Minchen zuliebe katholisch geworden. »Willy, mach mal den Mund auf«, hatte Tante Minchen gesagt, als sie sich kennengelernt hatten. »Warum das denn?« – »Ich will sehen, ob du einen blauen Rachen hast.« – »Was soll denn der Unsinn?« – »Bei uns auf dem Dorf haben sie früher gesagt, alle Evangelischen hätten einen blauen Rachen.«
Tante Minchen hatte meinen Vater, der in der Nähe von Soest auf einem Bauernhof arbeitete, nach Essen geholt, um ihn was Ordentliches lernen zu lassen. Nach dem Tode der Mutter hatten die älteren Geschwister meinen Vater zunächst zu einer Tante gebracht, einer bigotten Frau, die in einem kleinen Dorf mit einem Schreiner verheiratet war. »In dem Haus wurde ständig gebetet.« Sieben Fehlgeburten hat die Tante gehabt. Dann gebar sie endlich einen Sohn. Wer hätte daran gezweifelt, dass dieser Alwis Priester werden musste. Vier Wochen vor seiner Priesterweihe ist er später in Rußland gefallen.
Tante Minchen besorgte meinem Vater, der bereits siebzehn Jahre alt war, eine Lehrstelle als Automobilschlosser bei der angesehenen Essener Spedition van Eupen. – »Es ist ein Ross entsprungen aus Eupens Pferdestall.« – Eine Kusine meines Vaters, Tochter aus dem Lebensmittelladen, in dem Tante Minchen arbeitete, war zusammen mit Änne Eschen, meiner Mutter, im Schwimmverein. Auch mein Vater trat in diesen Schwimmverein ein. Dort lernte er meine Mutter kennen.
Wenn Onkel Willy erzählt, sitzt er in seinem hölzernen Lehnstuhl unter der alten Wanduhr und raucht seine »Ssigare«. Mit brennender Zigarre geht Onkel Willy morgens aus dem Haus zur Arbeit. Dann hängt der Duft der Zigarre noch lange im Hausflur. »Ich rieche das gerne«, sagt meine Mutter, »das ist so männlich. Aber der Fritz raucht ja nur seine olle Piepe – Rottmann krüll.«
Wenn ich Onkel Willy zuhöre, sitze ich auf einer Armlehne des Sessels, die Füße auf seinen Schenkeln. Ich kann es immer wieder hören, wie Onkel Willy auf dem Gut in Westpreußen den Ziegenbock gezähmt und ihn dazu gebracht hat, sich vor einen kleinen Wagen spannen zu lassen. »Mit dem bin ich dann zur Schule gefahren. Hättest mal sehen sollen, wie die geguckt haben.« Wenn ein Junge den Ziegenbock ärgerte, hat der ihn umgeboxt, sich auf ihn gestellt und ihn vollgepinkelt.
Onkel Willy kann Schiffe aus Baumrinde schnitzen und Flöten aus Weidenholz. Und da sind noch die Schrebergärten, mitten in der Siedlung, wo Onkel Willy eine Parzelle hat. »Willst du eine Stange Rhabarber?« – »Uh, ist der sauer.« Dann lacht Onkel Willy und hält sich dabei die Hand vor den Mund.
Anfang Dezember 1940 kauft Onkel Willy Wein vom Fass. Die Silberhochzeit steht ins Haus. Der Weißwein wird im Keller in einer großen Korbflasche eingelagert. »Der wird noch besser, wenn er eine Zeitlang gestanden hat.«
Im Januar nächsten Jahres soll das Fest gefeiert werden. Seitdem der Wein eingelagert ist, hat Onkel Willy merkwürdig oft im Keller zu tun. Dabei nimmt er mich ab und zu mit. Ich darf dann mit dem Nikolaus telefonieren. Das Telefonieren ist geheimnisvoll und spannend.
Onkel Willy verschwindet hinter der Lattentür des Vorratskellers, die mit einem alten Teppich verkleidet ist. Ich muss vor der Tür im Kellergang bleiben. Onkel Willy schiebt nach einigem Rumoren einen dünnen Schlauch unter der Tür durch. Der riecht so merkwürdig. Der Schlauch ist das Telefon. Ich kann das Ende ans Ohr halten oder auch hineinsprechen.
»Hier ist der Nikolaus«, tönt es mit einem fremdartigen Hall aus dem Schlauch, »bist du auch immer brav gewesen?« Ich beeile mich, das zu versichern. »So, so«, sagt der Nikolaus, »was wünschst du dir denn vom Christkind?« – »Eine Burg.« – »So, so, dann will ich dem Christkind das mal berichten.«
Damit ist das himmlische Telefonat beendet, und ich habe feuchte Hände vor Aufregung. Anschließend kommt Onkel Willy aus dem Keller und erkundigt sich teilnahmsvoll, was der Nikolaus denn alles gesagt hätte. Erst Jahre später kam ich dahinter, dass für den fremdartigen Nachhall, den die Stimme des Nikolaus’ hatte, jene riesige Meeresmuschel im Kellerregal verantwortlich war, die Onkel Willy aus seiner Seefahrerzeit mitgebracht hatte.
Anfang Januar 1941 herrscht in unserem Haus emsiges Treiben. Die Silberhochzeit will vorbereitet werden. Die Frauen des Hauses – außer Frau Manzel, versteht sich – »Wer schon mit Sonntagsschuhen den Hausflur putzt!« – hocken zusammen und basteln Girlanden, Blumen aus Papier und ein großes Schild mit der silbernen 25. »Die kommt über die Korridortür.«
»Geh mal rauf zum Hans, der hat eine Schreibmaschine«, sagt meine Mutter. Hans Mersch, der im Februar wie sein Bruder zur Marine gehen wird, öffnet mir die Tür. »Ach, du bist es, komm rein.« – »Ich will mal die Schreibmaschine sehen.«
Ich hatte noch nie eine Schreibmaschine gesehen. Ich wusste aber, wie eine aussah. Meine Mutter hat ein Foto von ihrer Schwester Hilde. Darauf sitzt Tante Hilde vor einer Schreibmaschine. »Die Hilde hat was im Köpfchen. Die hat Büro gelernt.«
Was der Hans in der Wohnküche auf dem Tisch stehen hat, soll eine Schreibmaschine sein? Das Ding hat ja nur zwei Tasten. Und was soll dieser dünne Metallstift, lang wie ein Bleistift, der an einem Gelenk sitzt? Und da, wo die Buchstaben sind, da sind die ja nur aufgemalt auf einer kleinen Tafel. Da kann man ja gar nicht drauf drücken.
»Dann guck mal zu!« Hans nimmt den Metallstift wie einen Bleistift in die Hand und tippt damit auf einen Buchstaben auf der kleinen Tafel. Mit der linken Hand drückt er auf eine Taste. Klick. Der Buchstabe, auf den Hans mit dem Stift getippt hat, erscheint auf dem Papier auf der Walze. Ein mühsames Geschäft. »Ist ein ganz altes Modell«, erklärt Hans, »habe ich von einem Kunden meines Meisters für fünf Mark gekauft.« Hans ist Schneider.
»Was schreibst du denn da?« – »Liedertexte.« – »Was für Liedertexte?« – »Für die Silberhochzeit von deinem Onkel.« – »Lass mal sehen!« – »Das ist nichts für Kinder.«
Einen Tag vor der Silberhochzeit werden Butterkremtorten gebacken. »Die Butter strecken wir mit Margarine.« – »Helmut, willst du die Schüssel auslecken?«
Die Torten werden über Nacht im Keller aufbewahrt. Niemand im Haus hat einen Kühlschrank. Die vornehmen Leute wie Tante Cläre haben einen Eisschrank. Da kommt der Eismann mit Pferd und Wagen. Der hat ein Leder auf der Schulter, damit er die Stangen besser tragen kann.
Tante Minchen und meine Mutter bringen die Torte in den Vorratskeller. »Willy!!!« Tante Minchens Stimme dringt markerschütternd aus dem Keller in den Treppenflur hinauf. »Willy, du Suffkopp!«
Tante Minchen hat entdeckt, dass die Korbflasche mit dem Wein nur noch halb voll ist. Für Tante Minchen gibt es keinen Zweifel daran, wer der Täter ist. Denn sie riecht an dem dünnen Schlauch, über den ich immer mit dem Nikolaus telefoniert habe.
Onkel Willy denkt gar nicht daran, den Frevel einzugestehen. Der Disput endet wie immer. Von einem bestimmten Zeitpunkt an sagt Onkel Willy nur noch gedehnt: »Ja, ja, ja. Ja, ja, ja.« Damit bringt er Tante Minchen erst recht in Rage. Und es kommt, wie es kommen muss. Tante Minchen schießt ihre letzte Breitseite ab: »Du alten finnigen ostpreußischen Hund!«