Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Helmut Spiegel · Das Bollerrad muss bollern ...
Ruhrgebiet Geschnke Buch Bücher Verlag Verlage


Helmut Spiegel
Das Bollerrad muss bollern,
der Knicker, der muss rollern

Verlorene Kinderspiele, erzählt in
Geschichten aus dem Ruhrgebiet

Illustriert von Anke Jühe
80 Seiten · gebunden
2. Auflage · 9,90 Euro
ISBN 978-3-922750-49-9

Lassen Sie sich entführen – vielleicht zurück in Ihre eigene Kindheit – auf die Hinterhöfe und Wohnstraßen einer vergangenen Zeit: zu Pitschendopp und Pinnekenkloppen, zum Knickerspiel, zum Stand an der Wand, zum Völkerball, zum Bollerradfahren, zum Pferdezügelstricken, zum Kastenfangen, zum Hinkeln, zum Seilchenspringen, zum Kinderschützenfest, zu Tanzspielen. Und zu albernen und kessen Sprüchen und Liedern.

Buchpremiere:
am Donnerstag, 20. Oktober 2016, 19.30 Uhr
Lars von der Gönna und Werner Boschmann lesen und spielen aus "Das Bollerrad muss bollern …" in der Buchhandlung Junius, Sparkassenstraße 3, Gelsenkirchen-Mitte
Der Eintritt ist frei. Wir bitten um telefonische Anmeldung in der Buchhandlung Junius unter 0209-23774


Liesel ist auf dem Hof, meine Schulgefährtin aus dem zweiten Schuljahr. "Wollen wir was spielen?" – "Hinkeln", schlägt Liesel vor. Hinkeln? Das ist ja eigentlich ein Spiel für Mädchen. Aber Heinz und Männe, mit denen ich lieber spielen würde, sind nirgendwo zu entdecken. Ich gehe durch den Keller auf den Hof.
Liesel bricht aus der Hecke an der Bleiche einen kleinen Stock. Mit dem zeichnet sie auf den Hof ein Hinkelhaus. Es sieht aus wie ein Kreuz. Der Längsbalken hat sechs quadratische Felder, der Querbalken drei. "Abzählen", sagt Liesel, und sie beginnt auch gleich.
    Pille-, Pille-Ente ging in’ Laden,
    wollt für zwei Pfennig Knackwurst haben.
    Für zwei Pfennig Knackwurst gibt es nicht.
    Pille-, Pille-Ente ärgert sich.
    Pille-, Pille-Ente ist nicht dumm.
    Schmeißt den ganzen Laden um.
    Wer kam da rein?
    Die Po-li-zei!
Liesel darf anfangen. Liesel darf anfangen. Sie holt aus der Schürzentasche ihren Hinkelstein. "Wo hast du deinen Hinkelstein?" Ich zucke mit den Achseln. "Warte!", sagt Liesel. Sie läuft ins Haus und kommt mit dem kleinen Bruchstück einer Fliese zurück. "Das ist aber so zackig!", maule ich. "Musst du schleifen! Guck mal hier!" Sie zeigt mir ihren Hinkelstein. Das ist auch ein Stück Fliese, aber dessen Ecken sind rund geschliffen. Ich gehe zu der kleinen Mauer an der Kellertreppe und beginne zu schleifen. Doch das Stück Fliese ist härter als der Backstein, und ich ratsche nur Riefen in die Mauer. "Da doch nicht, komm mit!", sagt Liesel. Sie geht mit mir durch die Gasse auf die Straße und zeigt auf die Bordsteinkante. Also schleife ich an der Bordsteinkante. Mein Hinkelstein wird zwar nicht so schön wie Liesels, aber die scharfen Ecken und Kanten sind weg.
Liesel beginnt das Hinkelspiel. Zuerst hüpft sie auf einem Bein die Felder des Hinkelhauses hinauf und wieder hinunter. Dabei muss sie im Kreuzstück um das Mittelstück herumhüpfen und kann dann in das Mittelquadrat mit beiden Füßen hineinspringen, um sich auszuruhen. Beim Hinkeln darf Liesel nicht auf einen Strich treten, denn dann ist sie "ab". Im zweiten Durchgang legt man sich den Hinkelstein auf den Fuß und schreitet vorsichtig durch das Hinkelhaus. Fällt der Stein vom Fuß oder tritt man auf einen Strich, ist man auch "ab". Im dritten Teil des Spiels wird der Stein beim Hüpfen mit dem Fuß von Feld zu Feld durch das Hinkelhaus gestupst. Verfehlt man ein Feld, ist man "ab". Der vierte Teil des Spiels ist der spannendste. Der Spieler stellt sich mit dem Rücken zum Hinkelhaus und wirft über die Schulter den Hinkelstein in eines der Felder. Trifft er eines, darf er es mit einem diagonalen Kreuz markieren. Der Mitspieler muss beim Hinkeln dieses Feld überspringen. [...]


Helmut Spiegel
Helmut Spiegel wurde am 9. Oktober 1932 in Essen geboren, wuchs in einer Arbeitersiedlung im Norden der Stadt auf. Sein Vater, ein Kruppscher Automobil- und Lokomotivschlosser, hätte es gerne gesehen, wenn der Sohn Ingenieur geworden wäre. Doch dieser stellte bald fest, dass er Technik besser beschreiben als betreiben konnte, und wurde Redakteur. Er arbeitete zunächst bei der NRZ in Essen, ab 1961 dann bei der WAZ in Witten. Helmut Spiegel liebte das Ruhrgebiet und widmete ihm seinen Roman "Ich schäbiges Frikadellchen". Das schäbige Frikadellchen trägt autobiografische Züge; der Roman enthält genauso wie "Das Bollerrad" ganz viel Regionalkolorit und den ganz besonderen Spiegel’schen Humor. Das trifft auch auf sein Buch "Auf alle meine Pötte setzt Ursula den Deckel" zu, in dem Helmut Spiegel erklärt, wie das so mit der Ehe im Ruhrgebiet funktioniet.
Helmut Spiegel starb am 6. Februar 2014 in Witten.
"Ich schäbiges Frikadellchen"
"Auf alle meine Pötte setzt Ursula den Deckel"

Anke Jühe
, geboren 1967 in Offenbach/Main; nach dem Abitur Grafikdesign-Studium an der FH Niederrhein in Krefeld. Sie arbeitet seitdem als Artdirektorin und Illustratorin, lebt mittlerweile in Düsseldorf und hat unter anderem mitgewirkt bei dem Comic-Fanzine "Herrensahne". Sie illustriert in ihrem Vektorstil Magazine, Bücher …
www.tagesgeschaeft.de


Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kinderschützenfest
Schere, Stein, Papier
Pinnekenkloppen
Rollschuhlaufen
Bollerradfahren
Pitschendoppschlagen
Knickern
Hinkeln                    
Seilchenspringen            
Versteckenspielen            
Pferdezügel aus der Strickliesel    
Wuppfangen                    
Glanzbildertauschen            
Namenraten                    
Ins-Poesiealbum-Schreiben        
Beruferaten                    
Dieb, o Dieb                    
Köttelbüchsen                    
Schiffchenfahrenlassen        
Windvogelfliegenlassen        
Zehnerprobe und Stand an der Wand
Schlagball                    
Völkerball                    
Der Kaiser schickt seine Soldaten aus
Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?
Mutter, darf ich?            
Wieder Kinderschützenfest


Interview mit Helmut Spiegel im Jahre 2010


Wann wurden Sie geboren?
9.10.1932

Und wo?
Essen

Wo wohnen Sie heute?
Witten

Was machen Sie heute?
Rentner/Schreiben im Aktionskreis Wittener Autoren

Was haben Sie beruflich gemacht?
Redakteur an Tageszeitungen

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihren Roman "Ich schäbiges Frikadellchen" und das "Bollerrad" zu schreiben?
Ich habe oft Geschichten erzählt aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Freunde haben immer wieder gesagt: "Schreib das doch mal auf!" Doch erst viele Jahre später war der Tod meiner Mutter das auslösende Moment. So entstand das "Frikadellchen"

Und wie war es beim "Bollerrad".
Es gibt Kinderspiele – nein, es gab sie –, die spurlos verschwunden sind. Und mit ihnen ein Stück Kulturgut. Unser technischer Fortschritt hat sie weggefegt, ersatzlos gestrichen. Die Übeltäter sind nicht allein Gameboy, Playstation und Handy. Der Hauptübeltäter ist das Auto. Auf den heutigen Hinterhöfen stehen Garagen. Die Straßen, auch die in den Wohnsiedlungen, werden von parkenden oder fahrenden Autos beherrscht. Hinzu kommt, dass die Erwachsenen – "Stress, Stress, Stress!" – zu Hause ihre Ruhe haben wollen und keine lärmenden Kinder auf Hof und Straße. Übergewicht, Schlafstörungen, Bewegungsmangel, Nervosität – Kinder, die sich austoben können, leiden darunter nicht.

Was bedeuten diese Bücher für Sie?
Etwas Unzerstörbares, das ich einmal hinterlassen werde. Solange ich lebe, ein immer wieder möglicher Rückgriff auf meine Jugend.

Was lesen Sie gerne an Ruhrgebietsliteratur?
Alles, was so echt ist wie das Ruhrgebiet

Wohin gehen Sie an einem sonnigen Ruhrgebiets-Sommertag?
Zum Kemnader Stausee oder zum Baldeneysee

Welchen Ruhrgebietler finden Sie richtig toffte?
Jürgen von Manger, der eigentlich keiner war.

Welche Ruhrgebietlerin?
Die aus Essen stammende Schauspielerin Ruth Leuwerik

Wohin sollten Touristen gehen, wenn sie mal "echt Ruhrgebiet" erleben wollen?
An den Rhein-Herne Kanal