Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Zepp Oberpichler · Galgenvögel liegen tiefer
Ruhrgebiet Geschnke Buch Bücher Verlag Verlage


Zepp Oberpichler
Galgenvögel liegen tiefer
Ein Ruhrgebiets-Wild-West-Roman

128 Seiten · gebunden · Lesebändchen
Mit Illustrationen von Anke Jühe

9,90 Euro
978-3-942094-64-1
Ruhrgebiet de luxe

Auf der Cowboy Land Ranch wird gepriemt, gepeitscht und scharf geschossen. Western-Idylle in Duisburg-Rheinhausen.

Dieses ist die Geschichte von Eisen-Joe, von seinen haarsträubenden Abenteuern und den Begegnungen am Krankenbett, mit eingebildeten Indianern, einem wirklichen Bürgermeister und anderen Galgenvögeln.

"Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.  Ich werde also aufstehen. Den scheiß Gang  runterlaufen. Mich auf meine Kreidler Florett schmeißen. Zur Ranch fahren. Mich auf  Lone-Star setzen. Zum Rhein reiten." (Eisen-Joe)

Zepp Oberpichler

19. August 2016: Zepp Oberpichler live im "Studio 47 Duisburg" über die Duisburger Altstadt und seinen neuen Roman "Galgenvögel liegen tiefer".
Das Interview mit Zepp Oberpichler auf Youtube
Zepp Oberpichler
Geboren 1967 in Duisburg und dort aufgewachsen; ab 1979 eigene Texte; er bringt sich selbst Gitarre spielen bei. Von 1988 bis 1993 Studium der Germanistik mit Abschluss Magister. Ab 1990 Plattenveröffentlichungen u. a. mit Jimmy Keith & his Shocky Horrors, Zepp Strange, Die Kinskis und der Jeff Dahl Group; mehr als 25 Tonträger und über 150 eigene Songs veröffentlicht; über 600 Konzerte und Lesungen auf dem Buckel.
www.oberpichler.de
Weitere Bücher von Zepp Oberpichler

⇒ gemeinsam mit Tom Tonk der 60er-Jahre-Roman "Die Stones sind wir selber"

⇒ gemeinsam mit Jürgen Post "Grubenkind" – Porträt der Bergbau im Ruhrgebiet

⇒ gemeinsam mit Jürgen Kassel "Heartzland" – Das Ruhrgebiet in schwarz-weißen Zeiten


Indianer! Ich spucke meinen Zigarillo in die Steppe, lüfte meinen Stetson und schicke einen freundlichen Gruß an die beiden Neuankömmlinge: »Hi.«
»How«, kommt es leise von ausgetrockneten Lederlippen zurück. Und dann stehen sich die Pferde gegenüber, mein Wallach Lone-Star und die beiden Rothaut-Palominos. Die Sonne zeigt sich als Feuerball, links erhebt sich ein Geier von einer Kaktee und lässt sich geübt auf einer anderen Kaktee nieder, die uns dreien näher steht.
Wie fängt man ein Gespräch mit Indianern an, die man gerade zum ersten Mal in seinem Leben sieht? Hinzu kommt, dass die beiden abgewetzten Vertreter der Rasse des Roten Mannes ein Bild des Jammers abgeben, das einem ordentlichen Gunman sofort ein schlechtes Gewissen macht. Von der Sorte, die an die Flötenspieler aus Peru denken lässt, die auf Weihnachtsmärkten Exotisches aus den Bergen der Anden vortragen, um sich von den kleinen Münzen im Hut einen Weckmann oder ein Schokoherz kaufen zu können.
»Tanz, alter Tanzbär, drehe dich im Kreise. Dreh dich alter Tanzbär, ganz auf deine Weise.«
So heißt es in dem Lied von Alexandra, das Opa Eisen so gerne gehört hat. Und die Jungs aus Peru sind schließlich auch Tanzbären, die gerne in Duisburg am Lifesaver Brunnen der Niki de Saint Phalle stehen und ihre bunte Show abziehen. Und dabei weht immer ein Hauch von Folklore durch die verregnete Bude. Wo es ja keine Kinderchöre mehr gibt, die »Vom Himmel hoch, da komm ich her« singen. Das alles bei völligem Fehlen von Schnee nebst trockener Eiseskälte. In Duisburg auf dem Weihnachtsmarkt, das ist, wie mit Klamotten unter der Dusche zu stehen, mit Wind von links, Wind von rechts, Wind von oben, Wind von unten. Überteuerte Bratwurst, gepanschter Glühwein und die einsamen Weisen aus Peru, die vorgeben, Waisen aus Peru zu sein.
Nun zwei Indianer. Der Eine etwas größer als der Andere, dafür der Andere etwas älter als der Eine. Abgerissen beide und nach Fusel stinkend, auch bei locker zwanzig Metern Entfernung. Der kleine Alte hängt schief auf dem Pferd, oder vielleicht besser am Pferd. Ich frage mich, wie lange er sich da noch halten kann. Schon erstaunlich, was geübte Naturburschen mit ihren Pferden anstellen können. Oder die Pferde mit ihren geübten Naturburschen. Der kleine Alte klebt waagerecht am Pferd, nicht auf dem Pferd. In der Luft hängt ein Hauch von Mundharmonika. Spiel es, Charles Bronson, spiel es noch einmal, Sam, spiel mir das Lied vom Drunken Sailor.
In Ermangelung eines Gesprächsthemas tue ich jetzt das, was staubige Reiter in solchen Situationen immer tun: Ich stecke mir ein Zigarillo an und warte. Atme den Rauch tief und gierig ein und lasse ihn mit einem Zischen wieder aus den Lungen fahren, einen Zug formend. Das Zischen selbst dauert vierzig Sekunden, und der Rauch fährt dem etwas größeren Indianer an den Kopf. Der fällt fast vom Pferd, schüttelt sich und sagt endlich: »Kannst du das bitte lassen? Mein Federschmuck stinkt danach immer so erbärmlich. Was soll meine Frau denken? Ich komme doch nicht aus ner Pommesbude. Ich bin ein stolzer Sohn der Prärie. Erst klaut ihr mir das Land, dann nebelt ihr mich ein. Wie lange kann ein ehrlicher Mann diese Schmach ertragen?«
Nichts als Vorwürfe; aber die haben sie wirklich drauf, die Rothäute. Ihr Anblick, ein einziger Vorwurf: Seht, wie ihr mich zugerichtet habt. Und auch noch dieses dämliche Gequatsche. Ich habe nie irgendwem irgendein Scheißstück Land geklaut, soviel ist mal sicher. Wahrscheinlich werfen mir die abgebrochenen Helden der Prärie gleich vor, dass ich ihre Büffel getötet hätte und der Weiße Mann ihre Roten Brüder mit Feuerwasser vergiften wollte. […]