Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Sigi Domke · Nachbarn in Bäumen
Ruhrgebiet Geschnke Buch Bücher Verlag Verlage


Sigi Domke
Nachbarn in Bäumen
Eine verrückte Geschichte

224 Seiten · gebunden · Lesebändchen
9,90 Euro
978-3-942094-63-4
Ruhrgebiet de luxe

Carsten Regner lebt für seine Arbeit in der Werbeagentur und ist darüber ein recht mürrischer Einsiedler geworden. Die neue Nachbarin Marie stürzt, im Verbund mit anderen Hausbewohnern und durchaus besten Absichten, Carstens Leben ins völlige Chaos, bis er glaubt, dunkle Mächte würden sein Schicksal bestimmen. Nach ebenso dunklen Tagen führen ihn eine eigenartige Therapie, bewusstseinserweiternde Backwaren und natürlich Marie wieder ans Licht, und Carsten wäre ein wahrer Phönix aus der Asche, wenn er nicht vorher abstürzen würde.


Die verrückte Geschichte mit hochgradig witzigen Dialogen erzählt davon, wie man manchmal durch die Hölle
gehen muss, um sich ein Stückchen Himmel zu verdienen. Wunderschön erzählt, oft zum Lachen, manchmal zum Weinen, in jedem Falle aber zum Verlieben die in die gesamte chaotische Bande.
Sigi Domke
Sigi Domke
Jahrgang 1957, in Bochum lebender Schriftsteller; bekannt durch seine Ruhrgebietskomödien ("Freunde der italienischen Oper", "Die Ruhrrevue", "Ronaldo und Julia" u. a.) sowie die Arbeit für Herbert Knebel; ist darüber hinaus ein vielseitiger Musiker und Buchautor. Nach seinen vergnüglichen Streifzügen durch
literarische Kurzformen legt er nun mit "Nachbarn in Bäumen" seinen ersten ausgewachsenen Roman vor.


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Sigi Domke Buchhandlung Polberg Steele

23. September 2016
: Sigi Domke während der Premiere seines Romans "Nachbarn in Bäumen" in der proppenvollen
Buchhandlung Polberg in Essen-Steele

Ricki nimmt einen tiefen Zug und schaut zufrieden empor in Richtung seiner dunkelgrau gestrichenen Zimmerdecke. Schön, wie er den Lackaffen verarscht hat! Die Aktion kann als gelungen bezeichnet werden. Er entlässt den Qualm aus seiner Lunge, bei der man eine ähnliche Farbgebung wie die der Decke vermuten darf.
»Jeden Tag ne gute Tat!«, säuselt Ricki. Und einen Lackaffen zu verarschen, ist eindeutig eine gute Tat.
Sein Blick gleitet von der Decke runter zur Wand und bleibt an einer verdächtig aussehenden Stelle hängen. Die Stelle befindet sich über einer Reihe von Nägeln, an denen ein paar Dinge hängen, die entfernt an Kleidungsstücke erinnern. Die Nägel sind Rickis Schrankersatz. In seinem Zustand gibt er nur ungern die Rückenlage auf, in der er es sich auf seiner Matratze bequem gemacht hat. Das Ding ist sein bevorzugter Aufenthaltsort. In jedem Zustand.
Ricki rollt sich auf die Seite. Noch hat er Mühe, den Kopf zu heben, so dass die Nase das fleckige Bettlaken berührt. Er zieht die Luft ein und lächelt. Das Laken ist von der langjährigen und ausdauernden Benutzung an einigen Stellen eine dauerhafte Verbindung mit der Unterlage eingegangen. Ein Wechsel des Lakens kommt für Ricki jedoch nicht infrage. Er würde womöglich die Matratze beschädigen, ein Risiko, das er nicht einzugehen gewillt ist. Ricki hängt an seinen Sachen. Den Geruch des Lakens hat er nie als störend empfunden, im Gegenteil. Es ist schließlich weitgehend sein eigener.
Er richtet sich halb auf, den Blick wieder auf die Stelle konzentrierend. Dann stemmt er sich hoch und geht zur Wand, um sich die Sache aus der Nähe anzuschauen, kann aber immer noch nichts Genaues erkennen. Die momentan einzige ein wenig Helligkeit spendende Quelle im Raum ist eine von der Decke baumelnde Lichterkette aus Plastikcannabisblättern, die er in einem Headshop erstanden hat und die für seine Verhältnisse nicht gerade billig war. Sie verbreitet ein trübes Schummerlicht, auch tagsüber, denn das kleine schräge Dachfenster des Zimmers ist mit einem schweren dunklen Stoff verhängt.
Ricki knipst die neben der Lichterkette hängende nackte Glühbirne an. Die Birne erhellt den Raum und die Stelle. »Scheiße!«, entfährt es Ricki. »Der piefige Mist kommt durch!«
Er inhaliert noch einmal kräftig. Der kleine Reststummel des Joints glüht auf. Dann drückt Ricki ihn in einem Aschenbecher in Totenkopfform aus. Geht hinüber in den Küchenraum und macht Licht. Das Zimmer ist größer als das Matratzenzimmer und tagsüber heller. Südseite. Das Fenster geht zum Hof hinaus und ist nicht verhängt. Weil davor Rickis Pflanzen stehen. Sie brauchen Licht. Im Vorbeigehen streift seine Hand sanft über die Glücklichmacher, dann bleibt er vor dem antiken Regal stehen, das er vor Jahren an einem Glückstag im Sperrmüll gefunden hat. Er schiebt ein paar der blinden Gläser zur Seite und wühlt in der eigenwilligen Geschirrsammlung, findet aber nicht das Gesuchte. Sein Blick durchforstet das auf dem Boden vor sich hin schimmelnde Leergut. Fehlanzeige. Er schaut unter der zugesifften Spüle nach. Nichts. Schließlich wird er im Kühlschrank fündig.
»Bekloppt!«, sagt Ricki. Und meint die Dose und den Pinsel, die er mühsam von der klebrigen Glasplatte löst. Was hat eine Dose mit Farbe auch in einem Kühlschrank zu suchen?!
Er geht zurück in das Matratzenzimmer, stellt die Dose ab und wühlt kurz in dem Stapel Schallplatten, die sich neben dem Plattenspieler türmen, hauptsächlich Reggaeplatten und ein paar alte Rockscheiben aus den 70ern, die nach Rickis Einschätzung immer noch den besten Kiffer-Soundtrack abliefern. Er findet Pink Floyds »Meddle«, zieht die Platte aus der ramponierten Hülle, legt sie auf den Plattenteller und setzt die Nadel auf. Ricki liebt das knisternde Geräusch, das intensiv genutzte Schallplatten machen. Als das charakteristische »Ping« des Stückes »Echoes« einsetzt, macht er sich an die Arbeit und überstreicht mit dicken Strichen den piefigen Mist.
Seit gut acht Monaten wohnt Ricki in dem Haus. Vor dem Einzug hat er »renoviert« und Wände und Decken gestrichen. Alles in Dunkelgrau. Weil er für die Farbe praktisch nichts bezahlen musste. Die Eimer standen seit Jahren im Keller von einem gewissen Bingo, einem entfernten Kumpel von Ricki, und waren zu nichts nütze. Bingo wusste selbst nicht, wie sie da hingekommen waren. Er tippte auf eine vergessene Erbschaft. Jedenfalls konnte Ricki sie fast ganz umsonst einsacken. Nur ein paar von seinen Pflanzen hat er Bingo dafür dagelassen, durchaus schweren Herzens. Aber die Tapeten, die der Vormieter in der Wohnung belassen hatte, waren einfach grauslich gewesen, ein sich ständig wiederholendes, rustikal anmutendes Ornament, das wie aus einem niederbayrischen Landgasthof entsprungen wirkte. Eben ein piefiger Mist.
»Bingo!«, hat Bingo gesagt, nachdem sie die Ware getauscht hatten. Seine Vorliebe für diesen Ausdruck hat abgefärbt. Auch Ricki benutzt ihn ab und an. Aber nur, wenn Bingo nicht dabei ist.
Zurück in seiner neuen Bleibe, hat Ricki die Tapeten sofort und großzügig übermalt, und weil nun einmal genügend Dunkelgrau vorhanden war, hat er das Weiß der Decke gleich mit eingegraut.
»Schafft Ruhe für dat Auge«, hat er gedacht. Die Restfarbe hat er in die Dose gefüllt, in den Kühlschrank gestellt – weil dort oft Platz ist – und dann vergessen.
Mit der höhlenartigen Anmutung der zwei Räume ist Ricki durchaus zufrieden. Er mag Höhlen, besonders Räucherhöhlen. Für das Räuchern sorgt er selbst, und manchmal helfen ein paar Kumpels. […|