Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Sarah Meyer-Dietrich · Immer muss man mit Stellwerksbränden, Streiks und Tagebrüchen rechnen
Ruhrgebiet Geschnke Buch Bücher Verlag Verlage


Sarah Meyer-Dietrich
Immer muss man mit Stellwerksbränden,
Streiks und Tagebrüchen rechnen

160 Seiten · gebunden · Lesebändchen
9,90 Euro
978-3-942094-65-8
Ruhrgebiet de luxe

Sarah Meyer-Dietrichs Roman ist ein rhizomatisches Verwirrspiel um Familie, Liebe und Identität. Anrührend, komisch, verstörend, surreal.


Lesung mit Sarah Meyer-Dietrich
am Donnerstag, 16. Februar, 20 Uhr (Einlass 19.30 Uhr) im Bürgermeisterhaus, Heckstraße 105, Essen-Werden. Eintritt 10 Euro. Die Lesung wird organisiert von „Schmitz. Die Buchhandlung“.
Kartenvorbestellung:
Bürgermeisterhaus, Heckstraße 105, 45239 Essen, Tel. 0201 49 32 86 buergermeisterhaus@t-online.de
Schmitz. Die Buchhandlung, Grafenstraße 44, 45239 Essen, Tel. 0201 49 46 40 info@schmitzbuch.de
Schmitz Junior. Die Buchhandlung für Kinder, Werdener Markt 6 45239 Essen, Tel. 0201 84 96 164





Sarah Meyer-Dietrich

4. September 2016:
Sarah Meyer-Dietrich signiert nach der  Buchpremiere auf dem roten Sofa in der Kaue der Zeche Carl in Essen-Altenessen

Sarah Meyer-Dietrich

23. November 2016: Sarah Meyer-Dietrich
liest
in der Straßenbahn "Kulturlinie 107"

Nur weg aus diesem Leben. Sie steigt in Castrop-Rauxel in den nächstbesten Zug, fährt planlos durchs Ruhrgebiet. Verliert sich im Gewirr aus Städten und Menschen. Denn die Geschichten, die sie in den Gesichtern der Mitreisenden zu entdecken meint, vermischen sich immer mehr mit den Schatten der eigenen Biografie ...

Sarah Meyer-Dietrich
Sarah Meyer-Dietrich
Sie wurde 1980 geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Studium der Wirtschafts- und Kulturwissen­schaften in Bochum und Hagen. Promotion in Bochum; sie war von 2012 bis 2016 hauptberuflich Geschäftsführerin und Projektmanagerin im Friedrich-Bödecker-Kreis NRW e.V., seit Sommer 2016 ist sie freie Autorin.
Sarah Meyer-Die­trich ist u. a. Gewinnerin des Förderpreises des Literaturpreises Ruhr 2014 und des Ruhrgebietsliteraturwettberbs 2015.
www.sarahmeyerdietrich.de

Sarah Meyer-Dietrich bei wikipedia

Bahnhofscafé. Castrop-Rauxel

An guten Tagen lese ich den Kunden ihre Wünsche von den Gesichtern ab. Das Mädchen mit rundlichen Wangen und Sommersprossen: ein Donut mit Streuseln. Ich weiß es, bevor sie es ausspricht. Erst sagt es ihr Gesicht. Dann sagt es ihr Mund.
Lieber würde ich bei der Arbeit den Menschen nur auf die Hände schauen. Gesichter verraten zu viel. Hände lenken weniger von der Arbeit ab, auf die ich mich konzentrieren muss. Trotzdem soll ich den Kunden in die Augen sehen. Es ist unhöflich, sich vor fremde Häuser zu stellen und durch die Fenster zu gaffen. Aber zu versuchen, fremden Menschen durch die Augen in das Dahinter zu schauen, gehört zum guten Ton. Wenn ich doch Eva fragen könnte, ob sie das versteht. Meine Schwester Eva, von der ich gelernt habe, in Gesichtern zu lesen. So wie jetzt im Gesicht der großen, schlanken Frau im mittleren Alter. Sie hat die blonden Haare zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden. Ein Wasser, medium, bitte. Ich weiß es, bevor sie es ausspricht. Erst sagt es ihr Gesicht. Dann sagt es ihr Mund.
Die Geschäftsführung erwartet, dass wir den Kunden beim Kauf weitere Produkte anbieten. Zum Brötchen ein Getränk. Zum Getränk ein Brötchen. Ich biete der Frau mit dem blonden Zopf kein Brötchen an. Ihr Gesicht verrät es. Die Augen verraten es: Da ist ein Hunger, den ein Brötchen nicht stillen kann.
"Übernimmst du die Tische?", fragt Rita, und ich nicke. Froh, eine kurze Weile auf die eigenen Hände schauen zu können statt in die Augen der Kunden, die so viel erzählen. Meine Hände sind noch immer glatt, weil ich jeden Tag in Milch bade. Sie sollen keine Geschichte erzählen. Sie sollen schweigen. Sie räumen Tassen ab. Wischen die Tische sauber. Von einem Tisch zum anderen. Zum anderen. Zum anderen. Durch die Leere dieses Cafés. Nur an zwei Tischen sitzen jetzt Menschen.
An dem einen: ein junges Paar mit Baby. Das Gesicht der Frau in Alarmbereitschaft: Geht es dem Kind gut? Atmet es noch? Hat es Hunger? Behutsam legt sich die Hand des Mannes auf ihren Arm: Hab keine Angst. Hab keine Angst, hat Eva immer gesagt. Eva hätte so gerne Kinder gehabt.
Am anderen Tisch: ein Mädchen. Sie sitzt schon lange hier. Rita hat sie bedient. Auf dem Tisch stapeln sich leere Tassen. Das Mädchen trägt einen Ring am Finger.
"Darf ich …", setze ich an, während mein Blick von den Händen des Mädchens zu ihrem Gesicht wandert, zu ihrem viel zu schmalen Gesicht. Doch mein Satz splittert und zerbricht. So laut sagt das Gesicht des Mädchens: Nein! Wie ein Handkantenschlag, der meinen Satz zerschlägt. Und die Augen. Die Augen … ich senke den Blick. Auf ihre Hände. Das ist sicherer.
Ihre Hände sind nervös. Drehen den Ring hin und her. Hin und her. Ziehen ihn ab. Schieben ihn auf den Finger zurück. Die Hände viel zu filigran. Wie können solche Hände auch nur eine Tasse halten, frage ich mich. Wie kann man an so dünne Finger einen Ring stecken, ohne dass sie mit leisem Klirren zerbrechen. Der Ring ist mit einem Schmetterling verziert. Hin und her drehen ihn die Hände. Auf und ab schieben sie ihn. Vielleicht wird der Falter gleich seine Flügel bewegen. Auf und ab. Und in mir spüre ich eine Regung. Spüre etwas aufsteigen. Wenn du dir was wünschen dürftest, klingt Evas Stimme in meinem Kopf. Dann würde ich abheben. Losfliegen. Und weit oben über dem Ruhrgebiet kreisen.
Ist noch was?, fragen die Hände des Mädchens barsch, und ich kehre zur Theke zurück. Blicke wieder auf meine eigenen Hände. Auf den Ring daran. Ein schmaler goldener Reif. Ich denke an Jonas. Jonas trinkt seinen Kaffee immer mit Milch. Eva hat jeden Tag Milch in ihr Badewasser geschüttet.

"Mit der stimmt doch was nicht", sagt Rita und deutet mit dem Kopf hinüber zu dem Mädchen, auf dessen Tisch die leeren Tassen stehen. "Müsste die nicht in der Schule sein?"
"Ferien", sage ich.
"Trotzdem", Rita wischt sich über die taupefarbene Bluse, die Teil unserer Berufskleidung ist. "Irgendwas ist mit der. Ich hab sie gefragt, ob ich die Tassen abräumen kann. Aber sie wollte nicht." Vielleicht hat sie ihre Gründe. Will ich einwenden. Man kann Menschen doch immer nur vor den Kopf gucken. Will ich sagen. Aber der Regionalzug aus Dortmund ist eingefahren, und Menschen betreten das Café. Menschen mit fordernden Gesichtern. Keine Zeit zum Sitzen. Den Kaffee immer "to go". Nur die ältere Frau, die ihre Brezel immer mit guter Butter bestellt, nimmt Platz. Am Tisch neben dem Mädchen. Das Mädchen könnte ihre Enkelin sein, denke ich. Und stelle mir vor, wie die beiden sonntags in der Küche der Frau sitzen. Und die Frau ihrer Enkelin Buchstabensuppe kocht …
"Zehn Brötchen …", unterbricht ein Mann mit Anzug und Krawatte meine Gedanken. Seine Augen verraten es: Die Zeit, die er hier verliert, holt er nie wieder ein. "Bitte …", setzt er an. "… mit Kassenzettel", ergänze ich, ehe sein Mund es ausspricht. Der Mund lacht. Die Augen lächeln. Für den Bruchteil einer Sekunde wird Zeit gleichgültig. Ich stelle mir vor, wie der Mann abends nach Hause kommt. Den Schlips löst. Und seine Frau leidenschaftlich küsst. Stelle mir vor: sein Augenaufschlag wie die Regung eines Schmetterlings. Der Schlag eines Schmetterlingsflügels im Amazonas-Urwald kann, sagen Chaosforscher, einen Orkan in Europa auslösen. […]