Verlag Henselowsky Boschmann · Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet · Karin Boehm · Frau Malenki liebt Heinz Maegerlein
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Karin Boehm
Frau Malenki liebt Heinz Maegerlein
Das Ruhrgebiet in den 60er Jahren

Beratung und Bearbeitung: Herbert Knorr
256 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen
2. Auflage
14,90 €
ISBN 3-922750-21-4

Vom Baden am Kanal und vom ersten Fernseher, vom ersten Auto und der Pille – ein Roman über das Ruhrgebiet und die 60er. Mit der Kindheit der Bergmannstochter Elfi werden spannende Jahre wieder lebendig. Die Wiederauferstehung der 60er Jahre einmal anders - nicht aus intellektueller Perspektive, sondern aus der Sicht eines Arbeiterkindes aus dem Ruhrgebiet. Humorvoll und witzig mit einem Schuss Selbstironie. Einfach und klar erzählt, mitunter in einer deftigen Tonart. Nicht ohne Sentimentalität, aber nie rührselig.
Zum Inhalt

Wer den Roman Frau Malenki liebt Heinz Maegerlein liest, weil der Titel eine Liebesgeschichte verspricht, liegt nicht falsch. Von der Liebe handelt der Roman von Karin Boehm schon, aber von einer ganz besonderen: Der erste Fernseher, der 1963 endlich im Wohnzimmer der Familie Elfis aufgestellt wird, ist eine riesengroße Attraktion. Besonders Frau Malenki, die Nachbarin von obendrüber, kommt immer dann mit Süßigkeiten und Salzgebäck herunter, wenn Heinz Maegerlein mit Hätten Sie’s gewusst auf der Mattscheibe erscheint. Die abgöttische Liebe Frau Malenkis zu einem der frühen Stars des Fernsehens ist eine von vielen Episoden dieses Romans, mit dem die Bergmannstochter Elfi Leserin und Leser in die Geschichte ihrer Kindheit entführt, einer Kindheit, die von den spannenden 60er Jahren geprägt wird.
Elfi erzählt vom Baden am vollen Kanal, vom Rabattmarkenkleben ihrer Mutter und der Kriegssparsamkeit ihrer Oma, von Hasenbroten und Zwergentee, vom Mallorca-Urlaub derjenigen, die ihn sich schon leisten können. Elfi erzählt von Unglücken, vom Zechensterben und von der Arbeitslosigkeit, aber auch vom ersten Auto, von Oswald Kolle, von der Pille und der Enttabuisierung der Sexualmoral ...
Ein unterhaltsamer Lesespaß, der sich auch an diejenigen richtet, die die 60er Jahre nicht aus eigener Erfahrung
kennen und genossen haben.

Karin Boehm
geboren 1959 in Gelsenkirchen; wuchs als Bergmannnstochter in den 60er Jahren im Schatten der Schachtanlage Graf Bismarck auf.


Frau Malenki und Heinz Maegerlein
Frau Malenki von obendrüber borgt sich immer dann etwas aus, wenn die Quizsendung mit Heinz Maegerlein läuft. Beim ersten Mal denkt sich Mama nichts dabei, als Frau Malenki um ein Täßchen Zucker bittet.
Als Mama in die Küche geht, um das Gewünschte zu holen, nutzt Frau Malenki blitzschnell die Gunst des Augenblicks und äugelt durch den Spalt Wohnzimmertür zum Fernseher.
»Ach, kommen Sie doch näher, Frau Malenki!« Papa hat sie sofort bemerkt.
»Ist schon was Schönes, so ein eigenes Fernsehen.«
Papa sagt bewußt höflich: »Wollen Sie nicht einen Moment Platz nehmen?«
Und ob die Malenki will! Papa hat den Satz noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da sitzt sie bereits zwischen Hanne und mir auf dem Sofa. »Sieht ja wirklich gut aus, ihr Kasten. Machen Sie doch mal an!«
»Von mir aus«, sagt Papa und geht zum Fernseher. »Dauert immer ein paar Sekunden, bis die Bildröhre warm ist.«
»Bei den Krahwinkels im Nachbarhaus dauert das immer unendlich lange. Aber die haben auch so einen ganz alten Kasten«, meint Frau Malenki. »Und das Bild ist so schlecht. Es lohnt sich gar nicht mehr, da hinzugehen.«
Papa blättert in der Fernsehzeitung. »Ist denn jetzt überhaupt was Gescheites drin?«
Frau Malenki zuckt mit den Achseln, als ob sie das nichts anginge.
Langsam wird ein Bild sichtbar.
»Ach, der Maegerlein«, sagt Frau Malenki, »das ist aber eine Überraschung. Daß der gerade jetzt im Fernsehen kommt.«

 »Was ist denn das für ein langweiliger Fritze», fragt Papa, der so tut, als wenn er Heinz Maegerlein noch nie gesehen hätte.
»Wie, Sie kennen den wirklich nicht«, fragt Frau Malenki empört. »Das ist doch der berühmte Heinz Maegerlein mit Hätten Sie’s gewußt.« Frau Malenki ist ganz stolz auf ihre Programmkenntnisse, setzt sich in Positur und starrt mit ernster Miene auf den Fernsehschirm.
»Ach, der Maegerlein, der mit seinen komischen Fragen.« Papa scheint jetzt doch einzufallen, worum es geht. »Also ich halt von der Sendung nichts, also rein gar nichts. Ich find die sogar langweilig. Soll ich nicht lieber ausmachen?« Papa blättert in der Fernsehzeitung. »Sie können ja nachher runterkommen, wenn Der blaue Bock kommt.«
Papa geht zum Fernseher und tut so, als ob er ihn abschalten will.
Frau Malenki springt auf. »Nein, nein, bloß nicht! Fängt doch gerade erst an! Da kann man sich doch bilden.«
»Naja, ein bißchen Bildung kann ja niemand schaden«, lenkt Papa jetzt ein. »Wenn Sie unbedingt wollen. Ist doch ein schöner Kasten, nicht! Also, dieses Nußbaumgehäuse! Habe ich doch gut ausgesucht, nicht Frau Malenki?«
Frau Malenki hört gar nicht mehr richtig hin, was Papa sagt und fragt. Als Heinz Maegerlein seine Quizkandidaten gerade in die beiden Ratekabinen mit den großen Fenstern schickt, flüstert sie verträumt vor sich hin: »Ist doch schön die Sendung, nicht!« Sie steht langsam auf, geht ganz nah an den Fernseher heran, als ob sie in ihn und Heinz Maegerlein hineinkriechen wolle.
»Frau Malenki, wir wollen auch was sehen, und ich weiß wirklich nicht, was sie an den ollen Glatzkopf überhaupt finden.« Papa grinst Frau Malenki hämisch an.
Doch Frau Malenki lächelt nur noch liebevoller in den Fernseher und fragt: »Ist es denn eigentlich wahr, daß der Heinz Maegerlein auch Sportreporter ist?«
Papa nickt. »Klar, in der Sportschau ist der oft.«
»Und wann kommt denn heute die Sportschau?« Frau Malenki starrt weiterhin wie gebannt auf die Mattscheibe.
Heinz Maegerlein fasziniert Frau Malenki so, daß sie nicht einmal merkt, wie Mama ins Zimmer kommt und ihr den Zuk-ker vor die Nase stellt. In der Folge redet sie nur von Heinz Maegerlein. Die Sendung scheint sie wenig zu interessieren. Nur einmal, als die Kandidatin in Kabine eins ein Geflügeltes Wort erraten muß, da rutscht ihr heraus: »Das ist aber eine schwere Frage! Das kann doch keiner wissen!«
Hanne sagt, was Maegerlein wissen will. Es ist richtig.
»Schlaue Tochter hab ich. Was, Frau Malenki«, sagt Papa lachend.

Als Heinz Maegerlein der Gewinnerin des Quiz’ am Schluß der Sendung eine tolle Heizdecke überreicht, guckt Frau Malenki ganz neidisch. »Da möcht ich auch mal mitmachen«, sagt sie verträumt.
»Was wollen Sie denn mit einer solchen Decke? Soll Ihr Mann den Ofen mal besser stochen, dann brauchen Sie so was nicht«, stichelt Papa.
Auch als Papa den Apparat längst ausgemacht hat, starrt Frau Malenki immer noch gebannt auf den Bildschirm.
»Hallo, Frau Malenki, hallo, ist Schluß!« ruft Papa laut.
Frau Malenki steht auf und geht. Als sie in der Tür steht, sagt sie wie abwesend: »Einmal dem Maegerlein die Hand schütteln, das wär was. Ist doch so ein schöner Mann, nicht!«
Bald macht sich Frau Malenki gar nicht mehr die Mühe, eine Ausrede zu erfinden, wenn sie bei uns Fernsehen will. Immer wenn Heinz Maegerlein mit Hätten Sie’s gewußt kommt, klingelt es fünf Minuten vorher an unserer Tür. Wir können unsere Uhr danach stellen.
Natürlich geht Frau Malenki längst nicht mehr zu den Krah-winkels, drei Häuser weiter um die Ecke. Nicht nur, daß der Weg kürzer ist, weil wir im gleichen Haus wohnen. Frau Malenki lobt immer unser gutes Bild. Wir hätten so ein wunderschönes Bild. Da kämen die Krahwinkels einfach nicht mit.
Bis zur Sportschau bleibt Frau Malenki dann auf jeden Fall und wartet auf einen weiteren Auftritt von Heinz Maegerlein. Und nicht selten sitzt sie stundenlang wie angenagelt auf unserem Sofa, starrt auf den Fernseher und bewundert nach Programmschluß sogar noch das Testbild.