Bücher vonne Ruhr · Verlag Henselowsky Boschmann · Helmut Rahn - Mein Hobby: Tore schießen
Komm, wir schießen Kusselkopp Thomas Althoff


Helmut Rahn
Mein Hobby: Tore schießen
Die Autobiografie vom "Boss"

Vor- und Nachwort
von Hermann Beckfeld

264 Seiten, gebunden, Schutzumschlag
Mit Lesebändchen:
14,90 €
ISBN 978-3-942094-40-5


Einen wie ihn kann man nicht erfinden. Helmut, der Rotzbengel, einer aus der Kolonie. Drei Brüder, Vater auf dem Pütt, Fußball im Kopf. Weil er gut kicken kann, muss er nicht auf Zeche. Er war Weltmeister, aber doch einer von uns. »Rahn ist der erste Held der Bundesrepublik Deutschland«, schreiben Historiker. – Diesen Satz hätte er nie gesagt.

Helmut Rahns Autobiografie »Mein Hobby: Tore schießen« erschien zum ersten Mal 1959.

Helmut Rahn
Geboren am 16. August 1929 in Altenessen; 1953 Heirat mit Gerti; 1954 Geburt seines Sohnes Uwe; 1956 Geburt seines Sohnes Klaus; 1965 Ende der Fußballerkarriere. Gestorben am 14. August 2003; Helmut Rahn ist auf dem Margarethenfriedhof in Essen-Holsterhausen begraben.
"Erst Stunden, Tage, ja Wochen später begriffen wir,
was wir eigentlich geleistet hatten. Der Außenseiter Deutschland hatte sich in einem weltweiten Turnier an die Spitze vorgearbeitet und dann die derzeit berühmteste Fußballnation, Ungarn, 3 : 2 geschlagen!
Bei Bekannten in München hörte ich zum ersten Mal eine Tonbandaufnahme des  Endspiels, hörte ich zum ersten Mal die Schilderung der alles entscheidenden Tore. Während die Stimme des Rundfunksprechers sich vor Begeisterung beinahe überschlug, saß ich still in meinem Sessel. Langsam kullerten mir Tränen die Backen herunter. Ich schämte mich nicht. So war das also gewesen! So dramatisch! So großartig! So überwältigend! Und ich hatte dabeisein dürfen!"

Fritz Walter ging am Sonntag schon früh um sieben auf den Balkon hinaus,
um nach dem Wetter zu sehen.
»Nichts los mit Regen«, sagte er enttäuscht.
Das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 fand am 4. Juli statt. Sollte die Sonne, die jetzt noch mit milden Strahlen den Thunersee vergoldete, nachmittags mit voller Glut auf die Erde brennen, konnten wir uns während des Spiels auf eine mörderische Hitze gefaßt machen. Doch im Verlauf des Vormittags ballten sich Wolken zusammen, und während des Essens fielen die ersten Tropfen.
»Was willst du mehr?« fragte ich Fritz.
»Boß, machst du heute wieder dein Tor?« wollte der Freund wissen.
»Kann schon sein.«
»Ich bin bloß gespannt, ob der Puskás spielt«, meinte Werner Liebrich. Man hatte dem Kaiserslauterer verschiedentlich vorgeworfen, allzu hart gegen den Ungarn eingestiegen zu sein.
Der Herr Major spielte. Wir erfuhren es erst in der Kabine beim Umziehen. Im Grunde waren wir froh darüber. Wenn es schon ums Ganze ging, wollten wir es auch mit der kompletten Elf der Magyaren zu tun haben.
Obwohl wir nicht Favorit waren, ging es in unserer Kabine hoch her. Funktionäre, Reporter und auch Neugierige gaben einander die Klinke in die Hand. Bis es Herberger zu bunt wurde. Er beorderte einen Ersatzspieler als Posten vor die Tür. Der durfte nur noch Personen hereinlassen, die unbedingt herein mußten.
Wir fieberten dem Kampf entgegen wie sonst auch. Aber es mischte sich bereits jetzt eine gewisse Feierlichkeit in unsere Gefühle. Dieses Spiel bedeutete eben doch mehr als alle anderen bisher. Endspielteilnehmer in einem solchen Turnier zu sein, war eine große sportliche Ehre.
»Alles klar?« fragte Fritz.
»Alles klar!«
Begleitet von den guten Wünschen aller deutschen Expeditionsteilnehmer liefen wir endlich ins Berner Wankdorf-Stadion ein.


Vorwort:
Er war zwar Weltmeister, aber doch einer von uns
Von Hermann Beckfeld

Lieber Helmut,
ich schicke Dir diesen Brief per Luftpost und hoffe, dass er im Himmel ankommt. Wie ich Dich kenne, spielst Du dort gerade Fußball, wahrscheinlich auf Asche. Die Torpfosten sind eckig, schäbig weiß und aus Holz, die Tore haben keine Netze. Rund um den Platz zieht sich ein verrostetes Eisengeländer, und darauf stützen sich in Strafraumhöhe vier alte Männer. Sie schauen zu, wie Dir die Lederkugel bei der Annahme am Fuß kleben bleibt, Dein Körper plötzlich Fahrt aufnimmt, wie Du zwei, drei Verteidiger stehenlässt. Jetzt müsstest Du aus dem Hintergrund schießen. Und Du schießt, und der Ball jagt durchs Tor und fliegt und fliegt und fliegt über Fördertürme und Zechenhäuser, über Kneipen und Rennbahnen, über die Hafenstraße bis nach Altenessen. Und bleibt irgendwann und für immer liegen in unserem Herzen.
Himmlisches Revier. Dein und mein Revier.
Du bist in Essen geboren, in Essen gestorben. Für Essen gezeugt. Einen wie Dich kann man nicht erfinden. Helmut, der Rotzbengel, einer aus der Kolonie. Drei Brüder, Vater auf dem Pütt, Fußball im Kopf. Weil Du gut kicken kannst, musst Du nicht auf Zeche. »Du tanzt mit einem Weltmeister«, wirst Du später den Frauen ins Ohr flüstern. »Rahn ist der erste Held der Bundesrepublik Deutschland«, schreiben Historiker. – Diesen Satz hättest du nie gesagt.
Als ich im Hotel Belvédère nach Dir suche, ist der Geist von Spiez schon über alle Berge.
Aber an der Tür von Zimmer 303 hängt ein poliertes Schild und verrät, wer hier 1954 geschlafen hat. Fritz Walter, der Kapitän, der sensible Schönspieler, der Filigrane, der Sekttrinker, der stete Selbstzweifler. Und Du. Der ungestüme Junge aus dem Revier, der Kraftbolzen, der immer ein Pils auf Halde bestellte, kein Kind von Traurigkeit, strotzend vor Ener-gie, überzeugt von eigener Stärke, der Lebenskünstler: »Fritz, wir machen das schon.«
Ich habe in Deinem Zimmer im dritten Stock geschlafen, auf den türkis funkelnden Thunersee geschaut und mir vorgestellt, wie Du auf dem Balkon Deine Show abgezogen hast. Die Markhändlerin-Nummer für die Kameraden, die auf der Terrasse Skat dreschen: »Prima schnittfeste Tomaten, Leute! Oma-Lutsch-Birnen für zahnlose Großmütter. Rotkohl, Weißkohl, Wirsing, Spinat; Leute, heut wird alles verschenkt! Wenn keiner kommt, dann leckt mich am A…«
In der Vorrunde der Fußball-WM bist Du der Reservist, der zum Frusttrinken in die Niesenbar am Bahnhof ausbüchst. Die Kneipe ist heute eine Bruchbude und keine Sünde mehr wert.
Natürlich war ich auch in Bern, doch alles ist weg. Das alte Wankdorfstadion, die Holztribünen, die Sprecherkabine, aus der heraus Reporter Herbert Zimmermann Richtung Deutschland schrie: »Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister.«
Sie nennen Dich Boss, weil Du Verantwortung übernommen hast, wie es eben nur Kerle aus dem Revier vorleben. Wenn mein Vater von Dir sprach, dann sagte er allerdings nie Boss, auch nicht kumpelhaft Helmut. Für ihn, für eine ganze Generation zwischen Duisburg und Dortmund warst Du der Helmut Rahn, für den er und so viele andere Väter und Großväter sich am 4. Juni 1954 die Nase an der Scheibe des Radiofachgeschäftes plattgedrückt haben, um bloß kein Wort, keinen Pass, kein Tor zu verpassen. Und das Wunder schon gar nicht. Es ist schlichtweg einmalig, es ist ein Phänomen: Mein Vater hat seine Hochachtung vor Dir, vor dem besten Ruhrgebiets-Fußballer aller Zeiten, an mich vererbt – auch wenn Du nur noch im Himmel Tore schießt.
Helmut, wir drei haben was gemeinsam. Mein Vater, Du und ich werden unsere Rot-Weißen immer lieben. Du hast später auch für andere Vereine gestürmt, aber Dein Denkmal, das gehört nur an die Hafenstraße.
Mein Vater und ich, wir sind von Bottrop zum Georg-Melches-Stadion gelaufen, um das Geld für die Straßenbahn zu sparen. Da gab es noch die echte Westkurve, es roch nach Kohle, Schweiß, Bier, Bratwurst und Zigarren. Bei Freitagabend-Spielen konnte das Flutlicht gegen den diesigen, verqualmten, nebligen Himmel über dem Revier kaum anfunzeln, und beim Einlauflied »Adiole«, eigentlich ein Schlager von Siw Malmkvist, bekamen wir regelmäßig Gänsehaut. Oh RWE … Auf dem Rasen, da kickten, da ackerten Deine Erben, die es gar nicht abwarten konnten, die arroganten Bayern in Grund und Boden zu spielen.
Mein Freund Aki Schmidt vom BVB kann so manche Geschichte von Dir erzählen. Vor Länderspielen habt ihr euch das Zimmer geteilt. Du, der Weltmeister, er, der Neuling. Auf dem Platz, sagt Aki, da warst du ein Egoist, einer, der immer den Ball haben wollte und ungern wieder abgab, der fluchte und störrisch sein konnte, einer mit großer Klappe und Ellbogen. Aber vor und nach dem Spiel da warst Du der beste Kumpel, hilfsbereit, herzlich, witzig, einfühlsam. Mal Schweiger, dann wieder Sprücheklopfer und Geschichtenerzähler. Geschichten aus Deiner Zeit als Gebrauchtwagenhändler, als Handelsvertreter, als der Weltmeister, der für den Titel 2400 Mark, Kühlschrank, Motorroller und Sofagarnitur bekam. Der ein Angebot von einem argentinischen Fußballclub ablehnte, weil er in der Heimat bleiben wollte. Der seinen Wagen volltrunken in eine Grube fuhr und sich mit der Polizei anlegte. Und auch mal hinter Gitter musste.
Schade. Falsche Kollegen und allzu fette Schlagzeilen über Eigentore und Alleingänge haben Dich vorsichtig gemacht. Interviews? Öffentliche Selbstdarstellung? Für kein Geld in der Welt.
Deine Welt, das waren Essen-Frohnhausen, Schrebergarten, Familie, Deine Gerti. Und der Stammplatz an der Theke in der »Friesenstube« und die Kumpels, die sich nicht leidhören konnten am Wunder von Bern: »Helmut, erzähl mich dat Tor …«
Ich kam zu spät. Als ich mein erstes Pils in der »Friesenstube« bestellte, da blieb Dein Stammplatz frei. Auf der anderen Straßenseite erwies der Deutsche Fußballbund Dir in der St. Elisabeth-Kirche die letzte Ehre. Aber mit dieser Geschichte lassen wir uns noch Zeit. Erst sollst Du machen, was der Junge aus dem Revier, der Weltmeister wurde, am besten konnte: Tore schießen.