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Kumpels in Kutten


Wilhelm Küpper Beim Hühnerfüttern kam der Krieg zu mir
Wilhelm Küpper
Beim Hühnerfüttern kam der Krieg zu mir
Die ersten 15 Jahre meines Lebens
Roman
144 Seiten, gebunden
9,90 €
ISBN 978-3-942094-30-6

1925 wird Wilhelm Küpper geboren. Da ist der Erste Weltkrieg sieben Jahre vorbei. Er wächst auf im Ruhrgebiet – bis zu seinem fünften Lebensjahr auf einem Bauernhof zwischen Feldern, Wiesen und im Schatten des Waldes, ab 1930 in der Stadt. Er geht zur Volksschule, wechselt dann auf ein Gymnasium.

1940 sind die Nazis sieben Jahre an der Macht. Wilhelm Küpper war bei den Pfadfindern und ist jetzt verordnetes Mitglied der Hitlerjugend. Der Krieg kam ein Jahr vorher zu ihm, während er die Hühner auf dem Hof seiner Oma fütterte. Wilhelm Küpper erzählt die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens: direkt, anrührend und einfach schön.

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Für meine Geburt hatte ich mir sicherlich keinen guten Zeitpunkt ausgesucht. Auf die Welt gekommen bin ich 1925. Da war der Erste Weltkrieg schon seit sieben Jahren vorbei. Aber immer noch saßen vom Krieg verstümmelte Männer in ihren zerschlissenen, schmutzigen Uniformen auf den Bürgersteigen der Einkaufsstraßen, ihre Militärmützen vor sich. Opa hatte mich im Winter 1925 mit einer vom Bauern geliehenen Kutsche aus der Geburtsabteilung des Krankenhauses abgeholt, eingepackt zwischen Kissen und Decken in einem großen Korb. Es war sicher sehr kalt, und vielleicht war es auch glatt. So wird Opa mich wohl behutsam aus der Kutsche herausgehoben haben. Und alle standen sie im Flur und warteten auf meinen Eintritt in die Welt. Aufgewachsen bin ich in dem einsamen Haus in einem ländlichen Randgebiet von Essen. Mit Großeltern, Mutter, Vater und den neun Geschwistern meiner Mutter. Mein Bruder vervollständigte später den Kreis. Die Straße, die an unserem Haus vorbeiführte, war ein viele Kilometer langer von vielen Karrenrädern zerfurchter Weg, der die zerstreut liegenden Bauernhöfe miteinander. Autos sah man in diesen Jahren noch selten. Wer in der Dunkelheit unterwegs war, hängte an seinen Pferdewagen eine Laterne, die hin und her schaukelte und schon von weitem zu sehen war.


Wilhelm Küpper liest in der Stadtteilbibliothek Dortmund-Huckarde
Aufgewachsen bin ich in einem einsamen Haus im ländlichen Randgebiet von Essen. Die Straße, die an unserem Haus vorbeiführte, hieß Eststraße und war ein viele Kilometer langer, von vielen Karrenrädern zerfurchter Weg, der die zerstreut liegenden Bauernhöfe miteinander verband und sich schließlich etwa ab den Wallneyer Höfen in Kurven zur Ruhr hin verlief. Autos sah man in diesen Jahren noch selten, und so wurde die Eststraße meist von Fuhrwerken benutzt. Wer in der Dunkelheit unterwegs war, hängte an seinen Pferdewagen eine Laterne, die hin und her schaukelte und schon von weitem zu sehen war. Bei regnerischem Wetter war die Straße für Fußgänger und Radfahrer nahezu unpassierbar, die Vertiefungen der Radspuren und die Löcher, die von den Hufen der Pferde stammten, standen voll Wasser, und der ganze Untergrund war weich und schlammig.
Hier an der Eststraße also stand das Haus, in dem meine Großeltern mit ihren zehn Kindern wohnten. Es lag im Schnittfeld von Roggen- und Rübenfeldern, von Pferdeweiden und gelb gesprenkelten Wiesen. Die einzige Verbindung nach irgendwohin war der Autobus, der die in der Nähe liegende breite Landstraße zwischen Bredeney und Kettwig befuhr.
Zum Haus gehörten ein von einer dichten Weißdornhecke umwachsener großer Garten und ein ziegelgepflasterter Hof mit einem Anbau, in dem sich die Tierställe befanden. Dahinter der Brunnen, aus dem mittels einer Kette und eines Eimers das Grundwasser hochgepüttet und ins Haus getragen wurde; und das im Winter und im Sommer und bei jedem Wetter.
An der anderen Seite, am Ende des Gartens, führte ein kleines, meist verschlossenes Tor direkt in den Wald, der sich mit Unterbrechungen bis zur Ruhr nach Werden hinzog.
Auf der Pferdewiese hinter dem Haus grasten tagsüber schwere Kaltblüter, ruhig und behäbig, und wenn sie das klare Wasser aus dem Bach tranken, liefen ihnen die silbernen Wasserfäden aus den Mäulern. Nachts, wenn sie auf der Weide blieben, lagen sie da wie große Schattenrisse. Und wenn man abends hinter dem Haus auf der primitiven Holztoilette saß, zu der wir »Lokus« sagten und in der kleingeschnittene Zeitungen auf einen Nagel gespießt waren, konnte man bei offener Tür sehen, wie sich die Schatten der schweren Tiere im Schlaf bewegten. Manchmal hob eines den Kopf, schüttelte die Mähne und schnaubte leise.
Neben dem Haus stand ein großer Birnbaum, der bis zum Schlafzimmerfenster hochwuchs. Noch heute sieht man in dessen Spitze den Starenkasten, den einer der Brüder meiner Mutter dort angebracht hat.
Und dann ist da der Wald, in dem wir gespielt haben, in dem wir jeden Baum, jeden Strauch und jede Tierhöhle kannten und wo es so intensiv nach Farnkraut roch, mit dem wir die Wände unseres Indianerwigwams ausgekleidet haben; der Wald, in dem wir in die Rinde einer Buche mit unseren Fahrtenmessern unsere Initialen und die Jahreszahl eingeschnitzt haben, die heute ganz oben in der Baumspitze noch vage zu sehen sind. Und quer über dem Waldbach liegt noch immer der glatte Baumstamm, über den wir mit nackten Füßen balanciert sind.
Dann kam der Übergang auf jene Waldwiese, die niemals gemäht wurde und die ihren Abschluss fand in dem kleinen, tangüberzogenen Teich mit hohen Trauerweiden drum rum. Und nicht weit weg das gemauerte Kämmerchen, in dem die Milchkannen bis zur Abholung durch die Molkerei abgestellt wurden. Jedes Mal, wenn wir in dieses Kämmerchen reinschauten, sahen wir in der hintersten Ecke eine Kröte sitzen, die uns mit ihren fast goldenen Augen anstarrte.
Auf der anderen Seite der Wiese ging es einen kleinen Hügel hoch, und über einen schmalen, gewundenen Pfad kam man zu dem kleinen Haus, das irgendwie der Stammsitz unserer Familie war und das Opa während der Inflation hatte verkaufen müssen. In diesem hüttenartigen Haus mit den kleinen Fenstern und der niedrigen Holzdecke wohnte immer noch ein Onkel von Vater, der uns manchmal besuchte.
Oft spielten wir den ganzen Tag im Wald, und wenn wir abends nach Hause kamen, hatte Oma eine große Pfanne mit Bratkartoffeln auf dem Herd oder es stand eine große Schüssel mit Stutenmilch auf dem Tisch.